Den Merkur erlernen

Der Mensch in seiner Zeit. Der Mensch in seinem Lebensalter. Zeiten im Vergleich. Zeiten kann man nicht vergleichen. Am Ehesten dürfte es noch möglich sein, sich selbst mit sich selbst zu vergleichen. Den, der man ist, bzw. von dem man ein Bild hat wie er ist, vergleichen mit dem, der man einmal war, bzw. das Jetzt-Ich vergleichen mit der Erinnerung an seine eigenen vergangenen Ichs.

Es ist vertrackt. Die Nacht war kurz. Ich erwachte in die Morgendämmerung hinein. Im Web empfahl man den Blick nach Osten, wo ein scharfer Sichelmond zu sehen wäre unter einem hellen Punkt, der Venus. Etwa eine Hand breit überm Horizont würde gegen sechs Uhr auch noch der Merkur erscheinen. Ich lugte durchs Fenster neben dem Arbeitsplatz. Tatsächlich. Zwischen kahl gewordenen Hainbuchen lag die Sichel und schräg darüber strahlte die Venus. Vom Merkur keine Spur. Wegen der Dunkelheit war nicht auszumachen, ob am unteren Rand des Himmels Wolken liegen oder ob es keinen Merkur gibt und sich das Internet geirrt hat. Natürlich, die Vernunft sagt, glaube dem Internet. Wenn das Internet sagt, unterm Mond ist Merkur und du aber keinen Merkur erkennen kannst, dann ist der einzig logische Schluss, dass dort wo der Merkur erscheinen sollte, Wolken vorm Weltall hängen. Dunkle Dünste, die man in der Frühe des Tages ohne Sonnenlicht nicht wahrnimmt.

Erste Fotos auf Twitter untermauern die Vermutung, dass bei mir Wolken vorm Merkur hängen. Ein fahler Merkurpunkt ist auf ihnen erkennbar. Die Wahrheit des prognostizierten Bilds verdichtet sich: Am Freitag, dem 13. November 2020 wird ein wie stechbeitelgeschnitzter Sichelmond auf dem Rücken liegen in einer relativ geraden Linie zwischen Venus und Merkur und zwar zwischen Fünf-Uhr-Nochwas und bald sieben Uhr in Deutschland.

Es ist schon verrückt, mit welcher Leichtigkeit ich Mond, Venus und Merkur als gegeben hinnehme, obwohl ich doch gar kein Astronom bin. Es hat insgeheim im Laufe meines Lebens eine Einigung mit anderen Menschen stattgefunden, dass der Mond der Mond ist, die Venus die Venus und der Merkur der Merkur. Wenn ich nichts davon wüsste und den Morgenhimmel beobachten würde, würde ich das Phänomen ohne Kenntnis zwar genau so sehen wie mit der Kenntnis oder der Einigung. Aber es wäre eben nur ein Bild. Es wäre nicht geladen mit einer Art Bedeutung, nicht verknüpft mit dem Gefühl der Eingeschworenheit, das man entwickelt, wenn man sich mit vielen anderen darauf verständigt, dass es so und so ist.

Zwischen der Kraft der drei beschriebenen Gestirne empfinde ich durchaus eine Hierarchie der Bekanntheit. Besonders dominant ist der Mond. Dann folgt die unheimlich helle Venus und, naja, den Merkur, den ich nicht sehen kann, nehme ich als Zusatzinformation hin. Ich muss den Merkur erst noch lernen, um ihn in späteren Situationen als ein ‚klar, den kenne ich‘, hinzunehmen.

Gestern flatterte ein Buchpäckchen ins Haus von meinem Freund Hauptstadt-Mediator. Er arbeitet in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Das Museum informiert am Ort des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 mit einer Dauerausstellung über den gesamten Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Im begleitenden Katalog zur Ausstellung ‚Stille Helden‘ in der 2018er Fassung ist auch ein umfangreiches Kapitel über den Grafiker Cioma Schönhaus enthalten. Der Hauptstadt-Mediator sendete mir die beiden Versionen des Katalogs aus den Jahren 2018 und 2020.

Ebenso erschütternd wie einen Blick in die richtige Richtung lenkend, liegt mir nun ein wenig Literatur zum Thema vor, von dem ich noch nicht weiß, wie ich es in dieses Blog einwirken werde. Meine Reise ist nicht ganz so einfach, wie ich es mir erhofft habe. Es ist ein großer Unterschied, ob man tatsächlich per Fahrrad eine Strecke bereist und über die Erlebnisse berichtet, die sich unweigerlich einstellen, oder ob man zu Hause am PC sitzt und in der ungeheuren und teils abstrakten Vielfalt der Möglichkeiten stochert.

Ja, ich denke, die Annahme ist richtig, dass eine echte Reise eine kanalisierende Wirkung hat durch äußere Einflüsse, die einem im Kopf bleiben und die am Abend Thema des jeweiligen Blogeintrags sind. Im Gegensatz dazu die Reise am PC, die theoretisch überall hinführen kann, in der sich Raum und Zeit nicht abgrenzen lassen, in der man von Thema zu Thema pendelt und die Entfernungen dazwischen sind unvorstellbar groß.

Im Browserverlauf des gestrigen Tages zeigt sich eine Vielzahl von Themen. Teils Geschichtliches, teils Philosophisches, Technisches und vieles, was überhaupt nichts in diesem Blogexperiment zu suchen hat (etwa Techniken zur Überprüfung von Festplatten oder Empfehlungen, wie man ein neues Betriebssystem organisiert usw.). Eine ganze Weile blieb ich bei Artikeln über Hannah Arendt hängen. Auf dem Weg zu diesen Artikeln folgte ich einer klaren Spur. Beim Nachlesen über Stolpersteine schaute ich mich in meiner Gegend und in meiner Heimatstadt um und gelangte über einen Artikel über die systematische Vernichtung der pfälzischen und badischen Juden zu einem Artikel über das Internierungslager Gurs. Das Lager lag am Nordrand der Pyrenäen in der Nähe des Baskenlands. Dorthin verschleppte man die meisten pfälzischen und badischen Juden. In Gurs war auch Hannah Arendt für kurze Zeit interniert. Sie konnte mit Mühe und Not fliehen und überlebte den Holocaust.

Eine ganze Weile dachte ich über Cioma und mich nach und was wir beide gemeinsam haben. Ich kam zu dem Schluss nichts. Dann kam ich zu dem Schluss, doch, klar haben wir etwas gemeinsam. Wir sind und waren Menschen in unserer Zeit. Ich erwähnte dieses ‚Menschsein in seiner Zeit‘ schon im ersten Blogartikel, und ich möchte dem hinzufügen, Menschsein in seinem Lebensalter ist auch bedenkenswert. Der fünfziger-Irgendlink ist ein anderer als der Vierziger-, der Dreißiger-, der Zwanziger- und so weiter. Der Sechziger-Irgendlink wird auch ein anderer werden. Und somit sehe ich mich auch mit der Frage konfrontiert, ob der Fünfziger-Irgendlink überhaupt nachvollziehen kann, wie sich der Zwanziger-Cioma gefühlt haben mag, wenn er, der Fünfziger-Irgendlink sich kaum noch an den Zwanziger-Irgendlink erinnern kann, der er einmal war.

Vielleicht kommen hier die Gestirne ins Spiel. Wie sie im Jahresrund um einander kreisen. Gebunden von Kräften, auf Bahnen gebannt. Berechenbar aber nie gleich und im Abstand von Zeit und in Abhängigkeit vom Ort, von dem aus man sie beobachtet immer wieder anders. Die Funktionsweise des Zusammenspiels von etwas zu erkennen, könnte sehr hilfreich sein.

2 Gedanken zu „Den Merkur erlernen“

  1. Ich bin ja jetzt schon sehr angetan von deinem Herantasten an dieses komplexe Thema. An diese komplexen Themen. Flucht. Verfolgung. Rassismus. Reise. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es nicht einfach ist, darin den eigenen Weg zu finden, by passing, by biking.
    Danke, dass du den Anfang gewagt hast.

  2. Da ist es ja schon wieder, dieses Lager „Gurs“, von dem ich erst vor ein paar Wochen in dem Buch „Der Apfelbaum“ von Christian Berkel, das erste Mal bewusst las. Dann in dem Buch „Der Trafikant“ von Seethaler, gestern in dem Buch „Landgericht“ von Ursula Krechel, jetzt bei dir. Entweder fiel es mir vorher nie auf oder es ist wirklich eine Entdeckung der schweren Vergangenheit, der du dich nun auch stellst. Dabei stellen sich mir aber auch noch andere Fragen: Wieso kommen gerade nur Bücher zu mir, die sich auf sehr unterschiedliche Art und Weise mit der unsäglichen Zeit des dritten Reichs und seiner Folgen beschäftigt? Ist es mal wieder dran? oder Erinnert uns diese Zeit in Vielem, was geschieht, an diese Schreckenszeit, von der ich und viele andere nicht müde werden zu sagen: Nie wieder!
    Was treibt dich an, dich dieser Zeit, diesem Menschen jetzt zu nähern, dein Projekt zu verfolgen, neben dem, was du schon geschrieben hast? (Wie es überhaupt dazu kam) Just in diesem Moment habe ich die Phantasie, dass du an einem Stolperstein in Buchform arbeitest. Hinter jedem Stolperstein steht ein Mensch, vertrieben, gehetzt, getötet. Jeder Stolperstein arbeitet gegen das Vergessen. Wer kennt schon den Passfälscher? Ich nicht bislang, du bringst ihn mir näher, ich kenne jetzt zumindest schon einmal seinen Namen, eine „ungefähre“ Geschichte, aber wie war er wirklich, dieser 20jährige Mann in dieser anderen Zeit? Deine Spurensuche sind meine Fragen und ich bin sehr gespannt, wie du diese Herausforderung lösen wirst. Immerhin hast du sie angenommen. Mögen, Sonne, Mond, Venus, Merkur und alle anderen dir scheinen und deine Wege beleuchten!
    Herzlichst, Ulli

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