Von unendlichstelligen negativen Zahlen und eigenen Wegen

Ich darf den prozessualen Fortgang dieses Blogs nicht ignorieren. Besser gesagt, ich muss mir dessen erst einmal bewusst werden. Lange Tage habe ich das Schreiben schleifen lassen, dachte nach, fand keine rechte Idee, die der Schwere des Themas gerecht werden könnte, zweifelte ein wenig, ebenso wie ich phantasierte und Auswege suchte aus dem Dilemma.

Nun wird mir klar, wenn ich so weiter mache, wird am Ende zwar alles gedacht sein, aber nichts davon gesagt. Wenn ich mit dem Denken voran, voran und voran schreite, durchlaufe ich nach und nach alle Schleifen und lege die Ergebnisse ab, die mit jeder weiteren Denkschleife wertloser und alt werden. Wie Holz, das man im Frühjahr zerkleinert im Wald liegen lässt. Schutzlos ohne Abdeckung und Trocknungsmaßnahmen geht es den Weg jedes Baumgeschöpfs, das auf natürliche Weise fällt. Die Natur zersetzt es. Es wird in einen Zustand zurückversetzt, in dem das einst so stolze Baumgeschöpf es nie dagewesen sein könnte.

Manchmal frage ich mich, ob eine Zeit kommen wird, in der wir Menschen nie gedacht, gehandelt, erlebt, reagiert, geschaffen und vernichtet haben werden. Eine Zeit ohne jegliche Spur. Millionen Jahre entfernt von heute.

Alles wird vergeblich gewesen sein, dem wir heute Bedeutung beimessen und dennoch wird das, was dann ist nicht existieren können, ohne dass diese unsere Stufe des Prozesses durchlaufen wurde.

Unsere trostlose kleine Zeit, in der wir einander und dem Planeten so viel Leid zufügten wird einige zehntausend Jahre gedauert haben und von dem Geist, den wir hätten entwickeln können und der uns auf eine vielleicht höhere Stufe hätte bringen können, der eine fürdere Existenz ermöglicht haben könnte, bleibt nichts übrig.

Als Mensch meiner Zeit predige ich so gerne das Glück im Jetzt: den in vollen Zügen genossenen Augenblick, der doch nur eine Illusion ist. Natürlich ist es möglich, Glück zu empfinden. Es ist auch erlaubt. Nimmt man die Glücksmomente aller Menschen jetzt in dieser Sekunde, in der dies gelesen wird zusammen und zieht auch noch das Glück aller anderen irgendwie zu Empfindungen fähigen Lebewesen auf diesem Planeten mitein … ich weiß nicht, was unter dem Strich als Bilanz steht. Persönlich vermute ich ein Desaster. Eine Bankrotterklärung ans Universum.

Dieses Blogprojekt ist vermutlich ein Prozess, wurde mir vorhin bewusst. Ich stieg die kleine hölzerne Treppe hinauf in die Küche der Künstlerbude, gab zwei Löffel löslichen Kaffee in eine Tasse, schüttete Heißwasser darauf, das ich zuvor in einem Wasserkocher erhitzt hatte. Dazu ein bisschen Milch und zurück zum Arbeitsplatz, der im einzigen beheizbaren, etwa 12 Quadratmeter großen Raum der Künstlerbude liegt. Die Nacht war frostig. Raureif liegt auf den Feldern, bis fast zum Haus; wenige Meter vor den Mauern hört die Spur des Reifs auf, ist das Gras nicht gefroren, herrschten auch ganz früh heute offenbar noch Temperaturen über null Grad. Gutso. Nicht gutso. Der zweite fast frostfreie November in Folge, wenn ich mich erinnere. Das Klima wandelt sich rasant. Ich lebe in einer kaputten Welt voller Probleme. Die Zahl, die unter dem Strich meiner großen Weltenglücksbilanz steht, dürfte knallrot sein. Eine unendlichstellige negative Zahl.

Warum ich das schreibe? Es muss weitergehen hier in diesem Blog. Hatte ich anfangs noch in klassischen schreiberischen Dimensionen gedacht mit Helden und Antihelden und einem Thema, an dem man sich festbeißt, das man akribisch durcharbeitet, auf ein Ergebnis hinarbeitet, bin ich nun etwas fataler geworden und denke, ich sollte mir eine Laissez-Faire-Attitüde zulegen, in der ich dieses Blogbuch einfach geschehen lasse. Dem eigenen Hirn mehr Freiraum geben, nicht darauf hören, was von Außen einprasselt und beeinflusst, beflügelt oder bremst, günstigenfalls einem stillen Fluss an Gedanken dabei zuschauen, wie er sich von den Schluchten des Gebirges durchs Land frisst und am Ende in einem wildbewucherten Delta in ein Meer mündet.

Das Buch übers Buch übers Buch in Blogform, das ist es doch, was du immer wolltest, Herr Irgendlink, oder?

Die Stolpersteine im Hinterstübchen, all die Namen, Cioma und seine Spur durch Deutschland in die Schweiz, von der ich noch immer nicht herausfinden konnte, wie die Fluchtroute verlief. Will ich es überhaupt herausfinden?

Vor bald einem viertel Jahrhundert, ich war jung, predigte ich meinem besten Freund Paul einmal, so und so, das und das könnte dir helfen und ich beschrieb ihm genau meinen Weg, wie er für mich plausibel schien und gehbar und heilsversprechend. Paul schaute mich an und sagte, alles schön und gut, aber ich muss den Paul in mir finden.

Es gibt unendlich viele begangene Wege, die allesamt richtig waren oder falsch, verirrt oder bekannt, echt oder getäuscht und allen gemeinsam ist nur eins, dass es eigene Wege waren. Selbst die Wege, derer es bestimmt eine sehr große Menge sind, die den Wegen anderer vermeintlich folgen, sind eigene Wege. Man kann wunderbar dem Weg anderer folgen als Mensch und glauben, dass das richtig ist, aber am Ende muss man sich darüber klar werden, dass der Weg, dem man folgt, so ausgelatscht er scheinen mag, doch der eigene Weg ist. Das nennt sich Verantwortung, glaube ich. Verantwortung für das eigene Leben.

Cioma also. Irgendwie vom Berlin der begonnenen 1940er Jahre in die Schweiz unter brisanter Lebensgefahr – hoffentlich war das Wetter gut, als er mit dem Fahrrad durchs Deutsche Reich floh (welch kleiner Gedanke!) – ich muss den Irgend in mir finden. Und der denkt achtzig Jahre zu spät in touristischen Dimensionen.

Wenn ich eine Radtour von Berlin in die Schweiz planen würde, eine Radtour, keine Flucht, bei der es um Leben und Tod geht, nur eine Radtour, welche Strecke würde ich wohl nehmen? Ich kann es Euch verraten. Der Fresszettel neben diesem Computer verrät es. Neben Alltagsnotizen stehen auf dem Din A4 großen Blatt jede Menge Ortsnamen – 1 Jüterbog, 2 Bad Düben, 3 Halle, 4 Naumburg –  und wenn man das Blatt umdreht setzt sich die Ortsnamenliste munter fort – 6 Rudolstadt, 7 Saalfeld usw. bis 14 Kempten, 15 Lindau, 16 Bregenz, 17 Dornbirn, 18 Feldkirch.

Es ist lange her, dass ich des Passfälschers Buch las, in dem er zunächst vom Leben im Arbeitsdienst (Zwangsarbeit. Ein Sechzehnjähriger.) in Bielefeld Mitte der 1930er Jahre berichtet, später vom Widerstand in Berlin und wie sich die Schlinge etwa 1941, 1942 zuzieht um die Widerstandsgruppe der Passfälscherwerkstatt und wie er schließlich als Soldat auf Heimaturlaub, getarnt mit einem selbstgefälschten Pass durch Deutschland radelt. Ein paar Namen von Orten, die er durchquerte sind mir in Erinnerung geblieben. Bayreuth oder Bamberg und Ulm, sowie der erste Versuch, in Feldkirch im heutigen Österreich einen Güterzug zu besteigen, der in die Schweiz fährt. Es muss unendlich aufreibend gewesen sein, so nah an der rettenden Schweiz zu sein und im Hinterkopf die Sorge, ob man es erstens schafft, die Grenze unentdeckt zu überwinden und ob man zweitens auch Asyl erhält. Das war in der dem deutschen Regime nicht unbedingt abgeneigten Schweiz nämlich bei Leibe nicht an der Tagesordnung. Sprichwörtlich hingen an dem illegalen Grenzübertritt Leben und Tod für Cioma. Hätte man ihn erwischt bei dem Versuch, die Grenze zu überschreiten, wäre er sofort erschossen worden. Hätte er es geschafft, aber die Schweizer Behördenmaschine hätte ihn ‘ausgeschafft’, wäre er nach kurzem Prozess durch die Nazijustiz ermordet worden. 19 Bregenz, 20 Stockach, 21 Radolfszell, 22 Öhningen steht auf meiner Tourliste. MEINER, ha! Und  TOUR! Es tut weh, dies so zu schreiben. Es verharmlost das Damals.

Nachdem ich die Liste geschrieben hatte mit dem virtuellen Finger namens Mauszeiger auf der Landkarte namens Googlemap und mich nach Bregenz denke, kommen mir unweigerlich meine Radtouren in jungen Jahren in den Sinn. Einmal im Jahr radelte ich gemeinsam mit meinem Vater und Freunden von der Nordpfalz, wo wir wohnten zum Bodensee und zurück. Etwa 1000 Kilometer. Etwa fünf sechs Mal machten wir die Tour. Mit Fahrrädern, die über hochmoderne Schaltwerke verfügten, bestes Reifengummi, 18 Gänge, Alurahmen, Cantileverbremsen, Licht. Den Bodenseeradwegs gab es auch schon in den 1980er und 1990er Jahren und er war eine prima autoarme Radlerroute, sehr beliebt. Mein Touristenhirn überwirft also die grob per Mauszeiger zusammengeklickte mögliche Route des Passfälschers 2.0, die nur aus ein paar handvoll Städten bestand und ich fange plötzlich an, in Radwegen zu denken, blende die Open-Cyclemap als Ebene ein und schaue mir das heutige Berlin, das heutige Deutschland als ein von touristischen Fernradrouten durchzogenes Netz an. Wenn ich diese ciomaeske Reise zwar nur virtuell mache, werde ich sie dennoch so planen, dass ich sie auch eines Tages in echt machen kann. So habe ich es auch schon mit den beiden Vorgängerprojekten Zweibrücken-Andorra 3 und Radlantix gemacht. Auch bei diesen ‘Touren’ achtete ich akribisch darauf, dass die Strecke, die ich in den Googlemaps ausbaldowerte auch irgendwann einmal nachradeln kann.

Berlin Leipzig. Der Fernradweg beginnt glaube ich am Gleisdreieck. Das wäre mein erster Fernradwegkandidat, wenn ich in echt. Dann die Saale aufwärts, durchs Dickicht Thüringens und Bayerns rüber zum Main etwas mit Ba wie etwa Bamberg oder Bayrueth, so ganz klar ist es mir nicht mit den Orten, die mit Ba beginnen. Quer durch Franken, runter nach Schwaben, in Ulm, um Ulm und um Ulm herum ins Allgäu und Bodensee und Feldkirch und schauen, was sich dort an Bahnanlagen befindet, sich vielleicht mal einen Tag in den Wald legen und den Güterverkehr beobachten, um Cioma im Geiste näher zu kommen, wie er es einst tat und wie er hoffte …

Prozessual, dieses Buch. Ich glaube, das trifft es. Roh, ablaufend, nur durch Nichtstun noch aufzuhalten oder zu scheitern. Ich glaube, das ist es. Die Anfänglichen Gedanken, dass ich ‘Ich’ bremsen muss, am Besten ganz vermeiden, habe ich über Bord geworfen. Es ist schier absurd, als Blogger im eigenen Blog nicht in Erscheinung zu treten. Da kann man sich wehren so sehr man will. Man ist das Fundament des Projekts, ob man will oder nicht.

Dieser Blogeintrag gaukelt schon seit bald einer Woche als Entwurf. Wieder und wieder machte ich einen Ansatz, etwas zum Projekt Passfälscher zu schreiben. Ich hatte den folgenden Tweet einkopiert, weil ich das finale Statement, ‘wir schaffen auch durch Geschehenlassen’ denkenswert fand.

Zum Erben gehört es nun einmal, dass man nicht nur Geld und Grund erbt, sondern auch die Schuld

Mit Stadtrat N. telefoniert. Es ging eigentlich um ganz banale Gegenwartsdinge, Fragen hie und da, ein Zweckanruf. Da wir aber schon einmal im Gespräch waren, fragte ich ihn nach den Stolpersteinen, die in der Stadt verlegt wurden. Noch vor wenigen Jahren gab es nur einen einzigen Stolperstein etwas jenseits der Innenstadt. Der Stolperstein für Walter Frick wurde auf Initiative seiner Enkelin Julia Gilfert am 24. Februar 2012 in der Alten Steinhauser Straße 30 verlegt. Ein dreiviertel Jahrzehnt war es der einzige Stolperstein in Zweibrücken.

Bei meinen Nachforschungen im Rahmen dieses Blogprojekts, Passfälscher 2.0, sind Stolpersteine eine meiner ersten Anlaufstellen, eine Art Brotkrümelspur, die mich kreuz und quer durch Europa führt. Die Stolpersteine von Cioma Schönhaus’ Eltern in Berlin sind der Start dieser nichtphysischen Reise, von der ich nicht weiß, wohin sie mich führen wird.

Julia Gilfert hat akribisch die Umstände, die zur Ermordung ihres Großvaters Walter Frick führten, recherchiert und erzählt auf dieser Webseite die erschütternde Geschichte seiner Ermordung. Hinter jedem Stolperstein steht solch eine individuelle Geschichte. Oft vergessen, nur noch reduziert auf einen Namen, einen Tod oder eine Flucht.

Insgesamt vierzehn Stolpersteine gibt es mittlerweile in Zweibrücken, finde ich bei meiner Websuche heraus. Auf der Wikipediaseite, die die Zweibrücker Stolpersteine listet, ist bisher nur der Stein von Walter Frick eingetragen. Ich werde das bei Gelegenheit ändern (muss mich erst noch einarbeiten, wie ich als Neuling bei Wikipedia Wissen einpflegen kann).

Wo sind denn die Steine verlegt, fragte ich also den Stadtrat N. Zwar konnte er mir nicht die Hausnummern nennen, aber immerhin, in der Karlstraße ist einer, sagte er – wo dort, fragte ich, nahe der Kirche vielleicht – eher am anderen Ende, aber auf der Straßenseite der Kirche. Dann gibt es noch welche in der Parallelstraße, wie hieß die noch … – achja, dort wo das  Beerdingungsinstitut …, sage ich – ja, auf der Straßenseite vom Beerdigungsinstitut. Und der dritte Standort ist in der Mühlenstraße. Den Stein vom Walter Frick kennst du ja.

Stadtrat N. gab mir noch zahlreiche Hintergrundinformationen wie es zu den Verlegungen kam. Die Steine in der Wallstraße 44 – mittlerweile war ich vor Ort und habe sie mir angeschaut, zehn Stück – erinnern an die Familien Weis und Löb, die vor dem Naziregime flohen, in die USA emigrieren konnten (nicht alle überlebten). Ihre Nachfahren hatten die Verlegung der zehn Stolpersteine im Jahr 2019 veranlasst.

Gartenmöbel. Es klingt fast schon grotesk, aber unser Anliegen im Telefonat, das ich aus Recherchebedarf in Richtung Stolpersteine umleitete, hatte eigentlich den banalen Anlass, einen Winterplatz für die Gartenmöbel des Stadtrats zu finden, ach wir herrlichen Menschen im Hier und Jetzt in unserer feinen Glücklichzeit im schönen wohlgeregelten Gemeinsam, in dem es mit relativ rechten Dingen zugeht und niemand fürchten muss, von heute auf morgen in einer Gefängniszelle zu landen oder in einer mordenden Psychiartrie. Was haben wir es doch so gut, denke ich voller Dankbarkeit. Umso wichtiger ist es, dass ich meine Reise Passfälscher 2.0 fortsetze. Man neigt in seiner feinen, wohlgeregelten und sicheren Welt in einem der reichsten Länder dieser Erde so gerne dazu, sich einzulullen und zu vergessen, was die eigenen Vorfahren den Vorfahren anderer Menschen angetan haben. Man neigt so gerne dazu, sich freizusprechen von jeglicher Schuld, denn man kam ja unschuldig zur Welt und hatte mit all den Verbrechen nichts zu tun. Stimmt? Stimmt ganz und gar nicht! Wir sind Erben. Und zum Erben gehört es nun einmal, dass man nicht nur Geld und Grund erbt, sondern auch die Schuld, die die Erblasser auf sich geladen haben, um diesen Besitz zu erwerben.

Oft erhielten die Inhaftierten in ihrer Zelle Besuch von Notaren, die sie dazu drängten, ihren Besitz zu einem Spottpreis zu verkaufen, sagte N.

Nun haben die Zweibrücker Brüder Gerhard und Rainer Schanne die Patenschaft für einen Stolperstein über­nommen, der an den Plüschfabrikanten OTTO ESCALES (1853-1939) erinnern wird. Als Jude wurde der ehemals angesehene Zweibrücker Bürger in der NS-Zeit entrechtet, ge­de­mütigt und praktisch enteignet.

Wenn ich mich vertiefe in die Düsternis der Nazizeit, wird mir fast schlecht, brauche ich unendlich viel Kraft, auch nur ein paar Zeilen zu lesen über das Schreckliche das geschah.

Die Gartenmöbel kommen am nächsten Donnerstag.

Stolpersteinverlegung 7. Juli 2020, von Fritz Schäfer, Saarbrücker Zeitung (Bericht vorab mit Foto einer Verlegung von zehn Steinen im Jahr 2019 in der Wallstraße).

Und: Saarbrücker Zeitung von Nadine Lang (drei Steine in der Karlsstraße und Mühlenstraße).

Recherche und Ergänzungen: finde den Zeitungsbericht zur Verlegung der zehn Stolpersteine in der Wallstraße 44 im Jahr 2019; weiter in die Tiefe gehen (Namen).

In Radeln zwei Hoffen

In die Nacht hinein radeln kommt hin und wieder vor. Kürzlich auf dem Rückweg aus Saarbrücken erreichte mich die Dämmerung in Sarreguemines und ein paar Kilometer weiter bei der Grenze in Reinheim war es zappenduster. Zum Glück war das Fahrrad mit einem guten Licht ausgestattet. Auf dem Bliesradweg tummelten sich Angler – hier sind die Angler, riefen sie aus dem dunklen Off – und  Hundegassileute – stillschweigend, aber die Hundchen verbellten mich – und auch ein paar unbeleuchtete Radlerinnen und Radler zischten an mir vorbei. Sowie ein umgeworfener Baustellenzaun, dessen Gitter wie ein Spieß aus dem Boden ragte.

Aus der Nacht heraus radelt man eigentlich nur, wenn man unterwegs ist. Irgendwo in Europa. Motor seiner selbst, plötzlich aus dem Schlaf gerissen, vielleicht vom Geräusch eines Tieres, dem Sausen einer nahen Landstraße, das Zelt steht ja irgendwo in einer Brache mehr oder weniger illegal und dann rattert sogleich das Gehirn und im Schwung des unterbrochenen Traums mengt sich Surreales mit den Erlebnissen des Vortages. Im Idealfall kriecht man aus dem Schlafsack setzt sich auf, startet das Smartphone, initiiert das sprichwörtliche Schneidersitzbüro, kauernd, umgeben von ein bisschen Technik, auf der Isomatte. Man tippt die Gedanken ins Blog. Dazu ein Bild und ein grober Korrekturdurchlauf und ab ins Netz. Kaffeetrinken, ein bisschen was essen, das Lager zusammenpacken und auf in den Sattel, auf auf in einen neuen Tag.

Schreibend reisen ist einfach wunderbar. Oder reisend schreiben. Meine Lieblingsbeschäftigung.

Cioma Schönhaus hätte auf seiner Flucht vor der Gestapo alles andere getan als aufzuschreiben, was er tagsüber erlebte, welche Strecke er mit seinem – vermutlich – Eingangfahrrad und den – vermutlich – ziemlich zerfledderten, nicht protektierten Fahrradreifen nahm. Kaum Licht. Wie er sich fühlte? Wem er begegnete? Man hätte die Aufzeichnungen bei einer Festnahme gefunden und gegen ihn verwendet und gegen diejenigen, die er darin erwähnte, die ihm halfen. Ganz und gar nicht wäre Cioma zum Blogger geworden. Es ging in jeder Minute der ‘Reise’ von Berlin bis in die Schweiz um Leben und Tod.

Wieder einmal: Cioma und mich unterscheidet so vieles mehr als uns gemeinsam ist. Doch es ist nicht mein Ansinnen, zu vergleichen … sage ich. Ertappe mich dennoch immer wieder dabei, dass ich vergleichen möchte. Diese Situation mit jener, jene Zeit mit dieser, eine Phase des Lebens mit einer anderen, die eine menschliche Historie mit der anderen … Fallstricke.

Wenn ich in ‘echt’ unterwegs wäre von Berlin in die Schweiz, wäre alles ganz anders. Die Tageserlebnisse würden mich auffangen. Radfahren ist für mich der Motor meines Geistes, meiner Gedanken. Im mantrischen Rund der Pedale produziert der Körper neben Schweiß und Atem auch jede Menge gut notierbarer Wortketten. Und selbst wenn ich abends erschöpft im Zeltlager liege und den Tag revue passieren lasse und bemerke, dass ich mir nicht all die wunderbar gedachten Gedanken aufs Wort merken konnte, bleibt dennoch immer eine Unzahl an Verwertbarem übrig, das Einzug ins Blog hält. Es gibt für mich kaum etwas Erholsameres und Produktiveres als Radfahren und nebenbei an einem Text zu denken. Wie von selbst schreibt sichs.

Diesen Sonntagmorgen erwachte ich um 6:17. Ein warmer Tag. Das Thermometer auf dem Treppenabsatz vor der Künstlerbude zeigt elf Grad. Klarer Himmel. Venus, Mond und Merkur reiten aus der Morgendämmerung in einen goldenen Tag. Blutrote Morgensonne. Fallzahl 16947. Für einen Moment hatte ich tatsächlich geliebäugelt, ein bisschen in den Tag zu radeln, nur um der Erinnerung willen wie das ist, wenn man früh schon den Motor startet. Es ist etwas schwierig, sich zu motivieren, wenn es keine Notwendigkeit gibt; wenn alles immer passieren kann und man jederzeit Allmögliches tun kann. Die freie Gestaltung von Zeit. Auch dies ein Unterschied zwischen Cioma und mir, vermute ich, denn wer von Häschern verfolgt wird, kann oft nur noch reagieren. Da gibt es keine losen Momente mehr im Leben, in denen man die Zeit dahin plätschern lassen kann. Zum Beispiel den lieben langen Tag nichts tun außer Essen zubereiten und Normalsein. Da ist dann nur noch Angst. Alarmbereitschaft und der Impuls, schnell weg hier. Hoffen. Auch das. Gibt es Unterschiede zwischen den Hoffens? Wie unterscheidet sich das Hoffen eines vom Tod bedrohten Menschen auf der Flucht vom Hoffen eines – sagen wir mal ganz banal – Lotto spielenden?

Neben mir auf dem Schreibtisch ein Zettel mit Themen, die ich in diesem Blog bearbeiten möchte. ‘Herschberg Stolpersteinsuche’ steht darauf, ‘Radfahren, der Motor des Geistes’ und ‘Nichtstun außer Essen zubereiten und Normalsein’.

Ich werde darauf zurückkommen.

 

Den Merkur erlernen

Der Mensch in seiner Zeit. Der Mensch in seinem Lebensalter. Zeiten im Vergleich. Zeiten kann man nicht vergleichen. Am Ehesten dürfte es noch möglich sein, sich selbst mit sich selbst zu vergleichen. Den, der man ist, bzw. von dem man ein Bild hat wie er ist, vergleichen mit dem, der man einmal war, bzw. das Jetzt-Ich vergleichen mit der Erinnerung an seine eigenen vergangenen Ichs.

Es ist vertrackt. Die Nacht war kurz. Ich erwachte in die Morgendämmerung hinein. Im Web empfahl man den Blick nach Osten, wo ein scharfer Sichelmond zu sehen wäre unter einem hellen Punkt, der Venus. Etwa eine Hand breit überm Horizont würde gegen sechs Uhr auch noch der Merkur erscheinen. Ich lugte durchs Fenster neben dem Arbeitsplatz. Tatsächlich. Zwischen kahl gewordenen Hainbuchen lag die Sichel und schräg darüber strahlte die Venus. Vom Merkur keine Spur. Wegen der Dunkelheit war nicht auszumachen, ob am unteren Rand des Himmels Wolken liegen oder ob es keinen Merkur gibt und sich das Internet geirrt hat. Natürlich, die Vernunft sagt, glaube dem Internet. Wenn das Internet sagt, unterm Mond ist Merkur und du aber keinen Merkur erkennen kannst, dann ist der einzig logische Schluss, dass dort wo der Merkur erscheinen sollte, Wolken vorm Weltall hängen. Dunkle Dünste, die man in der Frühe des Tages ohne Sonnenlicht nicht wahrnimmt.

Erste Fotos auf Twitter untermauern die Vermutung, dass bei mir Wolken vorm Merkur hängen. Ein fahler Merkurpunkt ist auf ihnen erkennbar. Die Wahrheit des prognostizierten Bilds verdichtet sich: Am Freitag, dem 13. November 2020 wird ein wie stechbeitelgeschnitzter Sichelmond auf dem Rücken liegen in einer relativ geraden Linie zwischen Venus und Merkur und zwar zwischen Fünf-Uhr-Nochwas und bald sieben Uhr in Deutschland.

Es ist schon verrückt, mit welcher Leichtigkeit ich Mond, Venus und Merkur als gegeben hinnehme, obwohl ich doch gar kein Astronom bin. Es hat insgeheim im Laufe meines Lebens eine Einigung mit anderen Menschen stattgefunden, dass der Mond der Mond ist, die Venus die Venus und der Merkur der Merkur. Wenn ich nichts davon wüsste und den Morgenhimmel beobachten würde, würde ich das Phänomen ohne Kenntnis zwar genau so sehen wie mit der Kenntnis oder der Einigung. Aber es wäre eben nur ein Bild. Es wäre nicht geladen mit einer Art Bedeutung, nicht verknüpft mit dem Gefühl der Eingeschworenheit, das man entwickelt, wenn man sich mit vielen anderen darauf verständigt, dass es so und so ist.

Zwischen der Kraft der drei beschriebenen Gestirne empfinde ich durchaus eine Hierarchie der Bekanntheit. Besonders dominant ist der Mond. Dann folgt die unheimlich helle Venus und, naja, den Merkur, den ich nicht sehen kann, nehme ich als Zusatzinformation hin. Ich muss den Merkur erst noch lernen, um ihn in späteren Situationen als ein ‘klar, den kenne ich’, hinzunehmen.

Gestern flatterte ein Buchpäckchen ins Haus von meinem Freund Hauptstadt-Mediator. Er arbeitet in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin. Das Museum informiert am Ort des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 mit einer Dauerausstellung über den gesamten Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Im begleitenden Katalog zur Ausstellung ‘Stille Helden’ in der 2018er Fassung ist auch ein umfangreiches Kapitel über den Grafiker Cioma Schönhaus enthalten. Der Hauptstadt-Mediator sendete mir die beiden Versionen des Katalogs aus den Jahren 2018 und 2020.

Ebenso erschütternd wie einen Blick in die richtige Richtung lenkend, liegt mir nun ein wenig Literatur zum Thema vor, von dem ich noch nicht weiß, wie ich es in dieses Blog einwirken werde. Meine Reise ist nicht ganz so einfach, wie ich es mir erhofft habe. Es ist ein großer Unterschied, ob man tatsächlich per Fahrrad eine Strecke bereist und über die Erlebnisse berichtet, die sich unweigerlich einstellen, oder ob man zu Hause am PC sitzt und in der ungeheuren und teils abstrakten Vielfalt der Möglichkeiten stochert.

Ja, ich denke, die Annahme ist richtig, dass eine echte Reise eine kanalisierende Wirkung hat durch äußere Einflüsse, die einem im Kopf bleiben und die am Abend Thema des jeweiligen Blogeintrags sind. Im Gegensatz dazu die Reise am PC, die theoretisch überall hinführen kann, in der sich Raum und Zeit nicht abgrenzen lassen, in der man von Thema zu Thema pendelt und die Entfernungen dazwischen sind unvorstellbar groß.

Im Browserverlauf des gestrigen Tages zeigt sich eine Vielzahl von Themen. Teils Geschichtliches, teils Philosophisches, Technisches und vieles, was überhaupt nichts in diesem Blogexperiment zu suchen hat (etwa Techniken zur Überprüfung von Festplatten oder Empfehlungen, wie man ein neues Betriebssystem organisiert usw.). Eine ganze Weile blieb ich bei Artikeln über Hannah Arendt hängen. Auf dem Weg zu diesen Artikeln folgte ich einer klaren Spur. Beim Nachlesen über Stolpersteine schaute ich mich in meiner Gegend und in meiner Heimatstadt um und gelangte über einen Artikel über die systematische Vernichtung der pfälzischen und badischen Juden zu einem Artikel über das Internierungslager Gurs. Das Lager lag am Nordrand der Pyrenäen in der Nähe des Baskenlands. Dorthin verschleppte man die meisten pfälzischen und badischen Juden. In Gurs war auch Hannah Arendt für kurze Zeit interniert. Sie konnte mit Mühe und Not fliehen und überlebte den Holocaust.

Eine ganze Weile dachte ich über Cioma und mich nach und was wir beide gemeinsam haben. Ich kam zu dem Schluss nichts. Dann kam ich zu dem Schluss, doch, klar haben wir etwas gemeinsam. Wir sind und waren Menschen in unserer Zeit. Ich erwähnte dieses ‘Menschsein in seiner Zeit’ schon im ersten Blogartikel, und ich möchte dem hinzufügen, Menschsein in seinem Lebensalter ist auch bedenkenswert. Der fünfziger-Irgendlink ist ein anderer als der Vierziger-, der Dreißiger-, der Zwanziger- und so weiter. Der Sechziger-Irgendlink wird auch ein anderer werden. Und somit sehe ich mich auch mit der Frage konfrontiert, ob der Fünfziger-Irgendlink überhaupt nachvollziehen kann, wie sich der Zwanziger-Cioma gefühlt haben mag, wenn er, der Fünfziger-Irgendlink sich kaum noch an den Zwanziger-Irgendlink erinnern kann, der er einmal war.

Vielleicht kommen hier die Gestirne ins Spiel. Wie sie im Jahresrund um einander kreisen. Gebunden von Kräften, auf Bahnen gebannt. Berechenbar aber nie gleich und im Abstand von Zeit und in Abhängigkeit vom Ort, von dem aus man sie beobachtet immer wieder anders. Die Funktionsweise des Zusammenspiels von etwas zu erkennen, könnte sehr hilfreich sein.

Metagonist

Wenn du über Nieselregen schreiben willst, schreibe über Nieselregen. Wenn du einen Albtraum hattest, der erwähnenswert scheint, erwähne ihn. Vergiss nicht, das Brot zu backen, für das du am gestrigen Abend einen Vorteig angesetzt hast, sonst ist Schmalhans Küchenmeister, wenn du in ein zwei Stunden hungrig vom PC aufstehst und so etwas Ähnliches wie Frühstück oder Mittagessen oder Frittagessen oder Mittstück zu dir nehmen willst.

Der gestrige Tag war sonnig, mild, lähmend, schleppte sich dahin. Am morgen hatte ich die Absicht am Blog-Experiment – den hier vorliegenden Blogeinträgen – zu arbeiten. Sah mich im Geiste zurückversetzt in den vergangenen Frühling in die Hochzeit der virtuellen Fahrradtour am Atlantik. Ich würde den Klapprechner aufschlagen und mich in die Landkarte vertiefen und nach Bildern suchen. In Berlin in der Sophienstraße würde ich beginnen. Ich würde nach Auffälligkeiten in der Landkarte suchen, nach besonderen Straßennamen zum Beispiel, würde mir eine Tagesetappe von etwa 70 Kilometern aushecken und den Weg in der Landkarte am Bildschirm mit einem speziellen Tool zeichnen. Dann kämen mir sicher Ideen für den Reisebericht, Ideen, worüber ich schreiben könnte. Ich würde das Internet durchforsten und in Googles Streetview mir die Gegend anschauen.

Die Themen des gestrigen Tages im Netz waren unter anderem Nachklänge des vorgestrigen Tags, an dem man an die Pogromnacht 1938 erinnerte. Vom ‘Schicksalstag der Deutschen’ wurde in den sozialen und anderen Medien geredet, denn es gibt ja noch mehrere Begebnisse an längst vergangenen neunten Novembern, die für die Menschen in Deutschland Bedeutung haben. Begebnisse, mit denen manche liebend gerne die Pogromnacht überschreiben würden, um sie für immer zu vergessen. Die Hashtags #keinVergessen, #niewieder, #keinVerblassen hielten sich wacker und bestimmten das Themengezwitscher an diesem zehnten November im Nachklang auf den neunten November tapfer mit. So hatte ich den Eindruck. Der womöglich trügt, denn ich befinde mich wie jeder Mensch in einer Blase, in der ich Gleichgesinntes erlebe, das ich zu mir in meine Gedanken lasse, um mich daran zu nähren oder mich am Gegenpol, der unweigerlich mitläuft, überdosiert zu vergiften.

Ein, naja, sagen wir einmal …

Ein Anruf kickt mich raus aus der Schreibe. Ich muss aufpassen. Pass auf Junge! Lass dich nicht ablenken. Folge dem Weg. Auch wenn er nur virtuell ist und du ihn gar nicht gehst!

Nüchtern betrachtet ist die gesamte Welt vorwiegend im Kopf. Ein Bild oder ein Konglomerat von Bildern oder ein Bildergemenge manifestiert sich in jedem Kopf dieser Erde, der auch nur annähernd denkensfähig ist. Umrankt werden diese Weltenbilder von ein bisschen Echt, ein bisschen physischem Input, auf den man reagieren kann. Mit Liebe, mit Aggression, mit Wohlwollen oder Abneigung.

Ich beobachte ein Huhn. Hatte ich erwähnt, dass ich ein paar Hühner halte, die mir und meinen Lieben täglich frische Eier legen? Die Tiere befinden sich im ziemlich großen Gehege einer Obstanlage. Unter vielen, nicht sehr gepflegten alten Apfel-, Birnen und Quittenbäumen scharren sie tagein tagaus nach Kerbentieren und Würmern. Manchmal schlüpfen sie durch Löcher im Zaun und erkunden die weitere Umgebung, baden im Sand unter dem Vordach des einsamen Gehöfts, auf dem ich lebe. Sie scharren sich Staub ins Gefieder, schütteln ihn wieder aus. Und wenn sie fertig sind mit Sandbaden und Welterkunden, laufen sie auf die Tür im Gehege zu und lungern so lange davor herum, bis jemand kommt, der ihnen die Tür aufmacht. Das heißt, dass selbst diese Tiere mit dem winzigen Kopf und dem winzigen Gehirn eine Welt in ihrem Kopf haben, ein Bild von einer Welt. Sie sind in der Lage, auf zwei Beinen zu gehen und Richtungen zu wählen wie auch wir Menschen. Sie erkennen Gefahren, kennen Verstecke, wissen wo die Löcher im Zaun sind und dass es eine magische, riesige Tür gibt, durch die man komfortabel ins Gehege zurückkehren kann, wenn sie nur laut genug gackern.

Mit den Augen einer höheren, nicht weiter definierbaren Beobachterin gesehen, im Fokus alle Lebewesen auf diesem Planeten, unterscheiden wir Menschen uns in Intelligenz und Sicht des Großen und Ganzen, was wahrnehmbar ist womöglich gar nicht so arg von Hühnern, Katzen, Regenwürmern oder Bäumen. Spekuliere ich einmal. Es gehört natürlich eine gewisse, an Blasphemie grenzende Kühnheit dazu, diese Spekulation in den Raum zu werfen, denn wir Menschen lassen in Punkto Krone-der-Schöpfung-sein nicht an unserem Bild von uns selbst rütteln. Alles ist uns Untertan, denken wir.

Den Sozialen Medien und den Speicherkapazitäten auf Internetservern ist es geschuldet, dass wir Menschen in Interaktion mit diesen Speichermedien unsere Weltbilder auslagern können. Gemeinsam in Konsens oder Dissens liegt draußen im Internet eine gemeinschaftliche Auslagerung von Weltsicht, an der wir alle mitarbeiten können, um die wir diskutieren und zanken können. Wir neigen dazu, alles, was im Internet an Bildern der Welt gezeigt wird als allgemeingültig und wahr anzunehmen, wobei wir nach gutdünken unser eigenes Weltbild erzeugen können. Ich fürchte, da liegen Millionen Irrtümer vor. Die Nassforschheit, mit der wir dennoch versuchen, aus etwas, was vieldeutbar ist, ein einziges, großes, Ganzes herauszumeinen ist grotesk.

Den lieben langen Tag ratterte mein Gehirn und ich dachte über dieses Buch nach. Das war frustrierend. Ich kam ein bisschen in Paranoia, dass ich mich mit dem Thema übernommen hätte, dass ich überhaupt nicht in der Position und in der Lage bin, ‘zu liefern’, wie man so schön sagt. Denn ich bin kein Historiker, verfüge über wenig Hintergrundwissen zum Leitthema dieses Buches. Es ist lange her, dass ich die Bücher von Cioma Schönhaus gelesen hatte. Der Geschichtsunterricht, in dem der Holocaust zum Thema war, ist noch länger her. Nie hatte ich eine KZ-Gedenkstätte besucht. Dieses Jahr hatte ich eigentlich vor, Flossenbürg zu besuchen. Die Gedenkstätte liegt am Rande Bayerns zur tschechischen Grenze. Sie liegt im Prinzip direkt auf dem Weg meines Kunstprojekts #UmsLand/Bayern, an dem ich seit 2018 arbeite.

Irgendwann wurde ich ruhiger im Laufe des gestrigen Tages. Ich rief mir ins Gedächtnis, dass dies ein literarisches Experiment ist. Wie alle meine Blogbücher. Der Weg wird es schon richten. Das ist so bei Reisen. Auf die Misere und die Tristesse folgt immer die Fülle, kitzelt der Reiz des Neuen, ergeben sich unvermutet neue Türen (fast wie in einem Hühnerpferch mit löchrigem Zaun). Man muss nur lange genug dem Weg folgen und schon hat man ein neues Schlupfloch gefunden.

Was gelungen ist an diesem Projekt? Bisher? Ich habe am neunten November begonnen. Die Einzelteile der Geschichte liegen vor, obschon ich noch nicht ahne, dass sie da sind. Die eigene Person, ich, der Autor, mag vielleicht kaum eine Schnittmenge mit dem Passfälscher haben, aber er ahnt um die Wichtigkeit, den Weg zu gehen. Den Passfälscher zu verlieren, ihn wiederzufinden, wieder und immer wieder.

Protagonist, Antagonist, Metagonist. Gibt es solch ein Dreigestirn? Und wer ist wer?

Wenn ich mich gestern zum Schreiben durchgerungen hätte, hätte ich über Stolpersteine geschrieben. Ganz klar. Die Zeit wird kommen, an dem ich über Stolpersteine schreibe.

Vorhin erkannte ich zwei Richtungen: die eine führt zu diesem PC, an dem die Geschichte entsteht. Die andere führt ins Hochbett der Künstlerbude in eine Art Depression. Apathisch liegend nichts denkend, die Decke anstarrend. Darin bin ich recht gut und es fühlt sich auch nicht so übel, traurig, beängstigend an … ich muss mich wohl täglich für eine dieser beiden Richtungen entscheiden.

 

 

Ereignishüpfen auf Basis fremder Quellen

Vor ein paar Tagen bin ich unterwegs in die Schweiz. Über zwei Grenzen hinweg. Mit dem Auto. Auf gut ausgebauten Straßen. Mit hundert Sachen sausend im alltäglichen Verkehrsstrom ohne besondere Vorkommnisse wie Staus, Unfälle oder gar Grenzkontrollen. Von der Pfalz in den Aargau ist es der kürzeste Weg, etwa 70 Kilometer Landstraße durch Lothringen ins Elsass, bei Haguenau auf die Autobahn einzuspuren. Vorbei an einer Großbaustelle, vermutlich einer großräumig geplanten Umgehung Straßburgs, bewegt man sich durchgängig auf Autobahnen und vierspurigen Landstraßen entlang der Vogesen, immerzu südwärts, bis man in Basel die Grenze zwischen Frankreich und Schweiz passiert.

Ein Tag bevor ich den Weg antrat, den ich seit Jahren etwa einmal im Monat ohne Vorkommnisse bewältige, kam die Bewilligung für ein Projektsipendium, was mich ebenso erfreute, wie es mich auch ins Schwitzen brachte. Ich hatte bei der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur ein literarisches Projekt eingereicht, ungewiss, ob man es für gut befindet oder nicht. Insgeheim hatte ich ein bisschen gehadert, dass es vielleicht besser wäre, wenn es abgelehnt wird, denn das würde mir viel Arbeit und wohl auch einige technische Scherereien ersparen.

Aber Stiftung sagt ‘ja’.

Eine materielle Erschütterung im Alltag. Und auch eine gewisse Verpflichtung. Im Projektentwurf legte ich mich auf den 9. November als Projektstart fest und darauf, dass ich “auf den Spuren des Passfälschers” von Berlin in die Schweiz reisen würde. Der grassierenden Pandemie geschuldet rein virtuell mit den Mitteln meiner Zeit: Internet, Suchmaschine, PC, Maus und Tastatur; das Ganze garniert mit ein bisschen Serendipität, glücklichen Zufällen, die unbeabsichtigt den Verlauf des geplanten Blogbuchs günstig beeinflussen.

Das Projekt Passfälscher 2.0 ist eine Idee, die ich schon 2013 hatte, im Mai, als ich beim Sightseeing plötzlich vor den Stolpersteinen von Cioma Schönhaus’ Eltern, Fanja und Boris Schönhaus, in der Sophienstraße in Berlin stand. Wer waren diese Menschen, warum mussten sie sterben? Wie hatte es der Sohn geschafft, den Schrecken der Nazizeit zu überleben?

Man müsste von diesen Stolpersteinen ausgehend seiner Fluchtspur bis in die Schweiz folgen und über die Reise schreiben. Die eigene Reise per Fahrrad, so wie ich es als Künstler und Autor seit 2010 praktizierte, umrankt von Ciomas Flucht, die er im Buch ‘Der Passfälscher’ beschrieben hatte. Was wir gemeinsam hätten, Cioma und ich? Eigentlich nur, dass wir per Fahrrad und zu Fuß die Strecke überwanden und überwinden. Neugier, Lebenslust, schlichtes Menschsein in der eigenen Zeit, ja auch das hätten wir gemeinsam.

Das Projekt landete in der Schublade. Das Eisen war mir auch ein bisschen zu heiß. Viel lieber pflegte ich literarischen Freestyle in Blogform, ging meine eigenen Wege, ließ mich durch ein Gemenge aus Welt und Themen, aus Gegend und Ereignissen treiben und protokollierte das Ganze in Form diverser Blogs. Kreuz und quer durch Europa radelnd und spazierend, ohne jemals behelligt oder kontrolliert zu werden, ohne bedroht zu sein, erlebte ich einige Jahre eitel Dahinreisen und über dies und das schreiben, fotografieren und viel viel Leben voller schöner Momente.

Dann kam die Pandemie. Von heute auf morgen waren die europäischen Grenzen dicht. In einem ersten, sogenannten Lockdown versuchte man, die Begegnungen zwischen den Menschen so weit wie möglich zu reduzieren, um die Ausbreitung der Pandemie zu verlangsamen.

Sowie intensive Folgen für die meisten Menschen. Neben Ungewissheit Existenzbedrohung, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Frustration, Angst. Alle sogenannten nicht systemrelevanten Branchen mussten zurückstecken. Nicht zuletzt Kunst und Kultur.

Just an dem Tag, an dem ich ein für mich sehr wichtiges Kunst- und Reiseprojekt starten wollte, per Fahrrad durch Frankreich bis nach Andorra, war die Grenze dicht. Außerdem durfte ich vierzig Tage lang nicht in die Schweiz einreisen, nicht zu meinem zweiten Lebensmittelpunkt bei der Liebsten reisen, sie nicht sehen. Wir waren plötzlich nur noch virtuell verbunden.

Die Einnahmen, die mir das Projekt Zweibrücken-Andorra gebracht hätten, musste ich abschreiben. Ich war arbeitslos, erwerbslos, geldlos, lernte, von 200 Euro pro Monat zu leben.

In dieser Zeit liegt der Grundstein für das folgende Projekt. Statt auf dem Fahrrad entlang der Kanäle und auf alten Eselspfaden durch Frankreich zu radeln, vollführte ich die Reise virtuell, nahm meine Reisetagebücher der Jahre 2000 und 2010 zur Hand, die exakt dieselbe Strecke dokumentierten, die ich auch 2020 bereisen wollte und schrieb mein erstes fiktives Reisebuch. Ein erstaunliches Experiment. Deutlich spürbar, wie man sich in Windeseile wandeln kann und sich mit Umständen abfinden kann. Mehr noch, in Andorra angelangt, wo um diese Zeit in real etwa 20 Covid-19-Fälle festgestellt waren, setzte ich die Reise fort. Google Maps, Streetview und Wikipedia waren meine besten Freunde, auch wenn man den Informationen nicht immer trauen kann. So mutierte mein Projekt, bei dem ich mich anfänglich noch auf eigene Notizen verlassen konnte immer mehr zu einem Ereignishüpfen auf Basis fremder, teils fragwürdiger Quellen. Via Belchite, Zaragossa und Pamplona ging die Reise ins Baskenland und ab dort nahm der unmittelbare Vorläufer (Blogtitel Radlantix) dieses Projekts ‘Passfälscher 2.0’ seinen Lauf. Denn auch die Velodyssée hatte ich auf der Liste meiner Zu-tuns. Radfahren auf dem französischen Atlantikradweg. Wenn ich schon virtuell ins Baskenland geradelt war, warum sollte ich nicht einfach weitrradeln auf dem Atlantikradweg? Täglich vier bis sechs Stunden Recherche, Blogschreiben und Kartenträumen? Das Blog Radlantix existierte schon seit Jahren. Nun ergänzte ich es mit fiktiven Beiträgen. Es fühlte sich erstaunlich echt an. Für Außenstehende nicht erkennbar, dass alles nur webrecherchiert und garniert mit jahrelanger Reiseerfahrung war.

Im Sommer: Pandemiepause. Ein kurzer, zaghafter Ritt #UmsLand. In echt, wie man so schön sagt. Dafür reichte der Mut. An der kurzen Leine in unmittelbarer Näher zur Heimat umradelte ich Rheinland-Pfalz – auch ein Projekt, das durch die Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur gefördert wurde.

Ein geradezu dystopischer Tag, der letzte Donnerstag. Für Anfang November viel zu warm. Seicht suppte Sonne durch sich lösenden Hochnebel. Links der Schwarzwald, rechts die Vogesen. Graue, im Dunst versinkende Gebilde. Wenig Verkehr. Sehr sehr wenig Verkehr. Ich weiß nicht, ob ich legal oder illegal unterwegs bin. Das Wirrwarr an Stimmen und Empfehlungen und Regelungen in Zeiten der Pandemie ist schier undurchdinglich. Vorsorglich habe ich eine Déclaration auf einen Zettel gekritzelt, in der ich erkläre, dass ich das Land ohne Unterbrechung durchquere auf dem Weg zur Liebsten. Zudem gaukelt der Passfälscher in meinem Kopf. Man hat ja beim Autofahren viel Zeit zum Grübeln. Nassforsch hatte ich den Start des Projekts für den 9. November angekündigt. Es schien mir symbolträchtig, an diesem Tag zu beginnen. Weder die Blogsoftware, noch die Datenbank waren auf dem Server installiert und es gäbe technisch noch so viel zu erledigen und zudem hatte ich meine Begleitliteratur, die Bücher von Samson ‘Cioma’ Schönhaus daheim liegen gelassen. Nackt und ohne Hilfsmittel auf dem Weg in die Ferne, fast schon eine Art Fluchtsimulation, ein Halsüberkopfaufbruch ins Ungewisse – ich weiß, das ist Jammern auf hohem Niveau und es wird dem Ernst des Themas nicht gerecht. Dennoch. Mit Zweifeln beginnt es. Von  Zweifeln begleitet nimmt es seinen Lauf. Mit Zweifeln endet es. Am Ende wird es gelebt worden sein.

Frankreich befindet sich neben der pandemischen Entwicklung mit Terroranschlägen konfrontiert. In Basel an der Grenze kann ich ungehindert ausreisen. Ein ungewöhnlich freundlicher Schweizer Grenzkontrolleur fragt, ob ich Waren einführe, ich sage nein, er sagt Tipptopp und winkt mich durch. Gegenüber hat sich ein Stau von etwa zwei dreihundert Metern Länge gebildet, was darauf schließen lässt, dass die Franzosen kontrollieren. Seit vier Tagen befinde ich mich in der Schweiz.

Link zu einer Erinnerung im Blog Sofasophias.