Zum Erben gehört es nun einmal, dass man nicht nur Geld und Grund erbt, sondern auch die Schuld

Mit Stadtrat N. telefoniert. Es ging eigentlich um ganz banale Gegenwartsdinge, Fragen hie und da, ein Zweckanruf. Da wir aber schon einmal im Gespräch waren, fragte ich ihn nach den Stolpersteinen, die in der Stadt verlegt wurden. Noch vor wenigen Jahren gab es nur einen einzigen Stolperstein etwas jenseits der Innenstadt. Der Stolperstein für Walter Frick wurde auf Initiative seiner Enkelin Julia Gilfert am 24. Februar 2012 in der Alten Steinhauser Straße 30 verlegt. Ein dreiviertel Jahrzehnt war es der einzige Stolperstein in Zweibrücken.

Bei meinen Nachforschungen im Rahmen dieses Blogprojekts, Passfälscher 2.0, sind Stolpersteine eine meiner ersten Anlaufstellen, eine Art Brotkrümelspur, die mich kreuz und quer durch Europa führt. Die Stolpersteine von Cioma Schönhaus‘ Eltern in Berlin sind der Start dieser nichtphysischen Reise, von der ich nicht weiß, wohin sie mich führen wird.

Julia Gilfert hat akribisch die Umstände, die zur Ermordung ihres Großvaters Walter Frick führten, recherchiert und erzählt auf dieser Webseite die erschütternde Geschichte seiner Ermordung. Hinter jedem Stolperstein steht solch eine individuelle Geschichte. Oft vergessen, nur noch reduziert auf einen Namen, einen Tod oder eine Flucht.

Insgesamt vierzehn Stolpersteine gibt es mittlerweile in Zweibrücken, finde ich bei meiner Websuche heraus. Auf der Wikipediaseite, die die Zweibrücker Stolpersteine listet, ist bisher nur der Stein von Walter Frick eingetragen. Ich werde das bei Gelegenheit ändern (muss mich erst noch einarbeiten, wie ich als Neuling bei Wikipedia Wissen einpflegen kann).

Wo sind denn die Steine verlegt, fragte ich also den Stadtrat N. Zwar konnte er mir nicht die Hausnummern nennen, aber immerhin, in der Karlstraße ist einer, sagte er – wo dort, fragte ich, nahe der Kirche vielleicht – eher am anderen Ende, aber auf der Straßenseite der Kirche. Dann gibt es noch welche in der Parallelstraße, wie hieß die noch … – achja, dort wo das  Beerdingungsinstitut …, sage ich – ja, auf der Straßenseite vom Beerdigungsinstitut. Und der dritte Standort ist in der Mühlenstraße. Den Stein vom Walter Frick kennst du ja.

Stadtrat N. gab mir noch zahlreiche Hintergrundinformationen wie es zu den Verlegungen kam. Die Steine in der Wallstraße 44 – mittlerweile war ich vor Ort und habe sie mir angeschaut, zehn Stück – erinnern an die Familien Weis und Löb, die vor dem Naziregime flohen, in die USA emigrieren konnten (nicht alle überlebten). Ihre Nachfahren hatten die Verlegung der zehn Stolpersteine im Jahr 2019 veranlasst.

Gartenmöbel. Es klingt fast schon grotesk, aber unser Anliegen im Telefonat, das ich aus Recherchebedarf in Richtung Stolpersteine umleitete, hatte eigentlich den banalen Anlass, einen Winterplatz für die Gartenmöbel des Stadtrats zu finden, ach wir herrlichen Menschen im Hier und Jetzt in unserer feinen Glücklichzeit im schönen wohlgeregelten Gemeinsam, in dem es mit relativ rechten Dingen zugeht und niemand fürchten muss, von heute auf morgen in einer Gefängniszelle zu landen oder in einer mordenden Psychiartrie. Was haben wir es doch so gut, denke ich voller Dankbarkeit. Umso wichtiger ist es, dass ich meine Reise Passfälscher 2.0 fortsetze. Man neigt in seiner feinen, wohlgeregelten und sicheren Welt in einem der reichsten Länder dieser Erde so gerne dazu, sich einzulullen und zu vergessen, was die eigenen Vorfahren den Vorfahren anderer Menschen angetan haben. Man neigt so gerne dazu, sich freizusprechen von jeglicher Schuld, denn man kam ja unschuldig zur Welt und hatte mit all den Verbrechen nichts zu tun. Stimmt? Stimmt ganz und gar nicht! Wir sind Erben. Und zum Erben gehört es nun einmal, dass man nicht nur Geld und Grund erbt, sondern auch die Schuld, die die Erblasser auf sich geladen haben, um diesen Besitz zu erwerben.

Oft erhielten die Inhaftierten in ihrer Zelle Besuch von Notaren, die sie dazu drängten, ihren Besitz zu einem Spottpreis zu verkaufen, sagte N.

Nun haben die Zweibrücker Brüder Gerhard und Rainer Schanne die Patenschaft für einen Stolperstein über­nommen, der an den Plüschfabrikanten OTTO ESCALES (1853-1939) erinnern wird. Als Jude wurde der ehemals angesehene Zweibrücker Bürger in der NS-Zeit entrechtet, ge­de­mütigt und praktisch enteignet.

Wenn ich mich vertiefe in die Düsternis der Nazizeit, wird mir fast schlecht, brauche ich unendlich viel Kraft, auch nur ein paar Zeilen zu lesen über das Schreckliche das geschah.

Die Gartenmöbel kommen am nächsten Donnerstag.

Stolpersteinverlegung 7. Juli 2020, von Fritz Schäfer, Saarbrücker Zeitung (Bericht vorab mit Foto einer Verlegung von zehn Steinen im Jahr 2019 in der Wallstraße).

Und: Saarbrücker Zeitung von Nadine Lang (drei Steine in der Karlsstraße und Mühlenstraße).

Recherche und Ergänzungen: finde den Zeitungsbericht zur Verlegung der zehn Stolpersteine in der Wallstraße 44 im Jahr 2019; weiter in die Tiefe gehen (Namen).

3 Gedanken zu „Zum Erben gehört es nun einmal, dass man nicht nur Geld und Grund erbt, sondern auch die Schuld“

  1. Ja, es wird einem immer mal wieder schlecht! Wie recht du auch in diesem Punkt hast. Und auch darin, dass wir alle Erben sind, ob materiell oder psychisch/seelisch.
    Ich reagiere bei den Neufaschist.innen extrem, verliere meine Contenance, reagiere über, kann adhoc hassen, was ich sonst nicht kann. Hass ist mir an sich fremd, aber da nicht, wie ich das erste Mal in Rostock-Lichtenhagen begriffen habe.
    Du merkst es, dein Projekt spült bei mir einiges hoch, wie auch die schon erwähnte Literatur. Geht es darum das Erbe gelassener zu tragen? Non so!
    Jetzt Tee… dankbar für die warme Stube und nicht verfolgt zu sein, dankbar dich zu kennen.
    Herzlichst, Ulli

  2. Solcher Art Reflexionen sind mir vertraut, lieber Jürgen.

    Und der Umgang mit der Schuld — so viele Facetten, so vieles, das wütend macht.

    Auch wenn oft schwer auszuhalten, ist es so wichtig, darüber zu sprechen und nicht zu vergessen, dass es in der Anerkennung der Schuld auch um eine Beziehung zu den Erben der Verfolgten und Opfer geht. Eine Beziehung in der Gegenwart.

    Lektüre-Empfehlung:
    Aktives Museum Faschismus und Widerstand in Berlin e.V/Gedenkstätte deutscher Widerstand (Hg.): Verfahren. ‚Wiedergutmachung‘ im geteilten Berlin (Ausstellungskatalog), Berlin: Lukas verlag 2015.
    https://www.lukasverlag.com/programm/titel/422-verfahren.html

    Einleitung gibt’s hier:
    https://www.lukasverlag.com/images/verlag/medien/422-9783867322287-leseprobe.pdf

    Dachte, ich hätte das Kapitel zu Jack Bilbo mal gesant, finde aber keinen Scan. Kommt bei Gelegenheit via E-Mail.

    Dir alles Gute für dieses so wichtige Blog-Projekt!

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